Was geht – was bleibt

Momentan packe ich Umzugskartons. Ich stehe also vor der entscheidenden Frage: Was geht-was bleibt?

Was hat Bestand und findet Einlass im meinen nächsten Lebensabschnitt, was bereichert – was belastet nur noch. Platz schaffen, abwägen welche Erinnerung mit den Dingen gespeichert sind, loslassen oder bewahren. Ich erlebe das auch als geistige Reinigung, wie gemacht für den Jahresanfang.

Plötzlich halte ich inne, ich erinnere mich an das Erlebnis vor einem halben Jahr als ich in Berlin, am Mauerparkflohmarkt unter einem Tisch, einen noch ungeöffneten Karton hervorzog, um darin nach alten Fotografien zu suchen. Die Wohnungsentrümpler machen sich meist gar nicht mehr die Mühe einzelne Artikel auf dem Tisch auszupacken, sondern bieten „all inclusive-Kartons“ zum Selbstentdecken an. Beim Öffnen der Kiste bin ich eigentümlich berührt, völlig unvorbereitet halte ich gesammelte Erinnerungen aus dem Leben einer Helene Schneider aus Berlin in den Händen. Briefkorrespodenz, Rechnungen, Reisemitbringsel, Haarlocken, Kleidungsstücke, ja und auch alte Fotografien. Es sind lauter „Mitnehmsel“ einer Frau, die die Essenz eines Ortes, einer Zeit und ihre Erlebnisse, einfangen wollte, und die sie wahrscheinlich bis zuletzt begleitet haben.

Dieses Erlebnis gab in mir den Impuls zu meiner künstlerischen Auseinandersetzung im Projekt: „Lebensbündel- was bleibt, wenn wir gehen?“

Ich habe bisher sieben ganz unterschiedliche Bündel als Hommage an gegangene Menschen geschnürt. Meine weiteren Funde von Wohnungsauflösungen und Flohmärkte haben mich zum Bündeln dieser fiktiven Geschichten inspiriert.

Wir wissen alle um unsere eigene Vergänglichkeit. Und versuchen die Zeit festzuhalten, indem wir Dinge sammeln, Selfies machen, unseren Namen mit Datum in Bäumen ritzen. Als sollten die Dinge Zeugnis ablegen, dass wir vor Ort waren, unsere Existenz bestätigen, weil wir Spuren hinterlassen haben.

In Zeiten der Flucht und Vertreibung sind Menschen heutzutage täglich dazu gezwungen im Augenblick des Verlassen eines Ortes eine Entscheidung zu treffen was Sie mitnehmen, um ihre eigene Herkunft zu dokumentieren und sich das Leben in der Fremde zu ermöglichen. Hier werden Lebensbündel unter dramatischen Umständen geschnürt, dass wenig Raum für, in Dinge gespeicherte Erinnerungen lässt.

Eines ist mir klarer geworden, wir wählen im Augenblick des Verlassen eines Ortes, eines Lebensabschnittes, auch die Erinnerung, die wir uns in Zukunft wünschen.

 

 

 

 

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